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by DID46915 13 Dec, 2016

Zeitschrift für Kulturpolitik der Kulturpolitischen Gesellschaft

Ausgabe 148
1/2015

Autorin: Pia Leydolt

In diesem Jahr sind es genau 30 Jahre, dass Athen im Jahre 1985 auf Initiative der damaligen griechischen Kulturministerin Melina Mercouri und des Kulturministers Frankreichs Jack Lang die erste Europäische Kulturhauptstadt war. Ziel dieser Initiative war die Entwicklung eines Programms, durch das die Aufmerksamkeit auf Europas kulturelle Vielfalt gelenkt werden sollte. Seither trugen 52 europäische Städte diesen Titel – eingerechnet die diesjährigen Kulturhauptstädte Mons (Belgien) und Pilsen (Tschechische Republik).

Nach den grossen Kulturstädten Athen, Florenz, Amsterdam, Berlin und Paris gab es Anfang der 90er Jahre einen grundlegenden Richtungswechsel bei der Wahl der jeweiligen Kulturhauptstädte: im Jahre 1990 war Glasgow die erste Stadt, für die neue Ziele, geänderte und strengere Kriterien der Nominierung sowie ein mehrstufiges Bewerbungsverfahren mit Projekt-Präsentationen und Finanzierungsplänen galt. Diese seit damals geänderten Voraussetzungen und Bedingungen sind auch noch heute die Basis für die angestrebte Nachhaltigkeit des Projektes Europäische Kulturhauptstadt.

Im Rahmen eines Auswahlverfahrens werden zunächst jährlich zwei EU-Mitgliedstaaten vom Europäischen Parlament und vom Ministerrat festgelegt (dies ist bereits bis 2033 geschehen). Sechs Jahre vor dem entsprechenden Jahr erfolgt eine nationale Ausschreibung, auf die sich alle Städte der jeweiligen Länder bewerben können. Die schriftlichen Bewerbungen müssen kulturpolitische Strategien, das Konzept sowie die geplanten Projekte bereits recht umfangreich und qualitativ hochwertig skizzieren. Geprüft werden die Bewerbungen von einer Jury, bestehend aus zehn internationalen Experten, die in einer ersten Beratung über eine „short list“ entscheidet, verbunden mit Empfehlungen, die Bewerbungen zu überarbeiten und zu vertiefen. Nach einer erneuten fokussierten Präsentation schlägt die Jury mit ausführlicher Begründung dem nationalen Kulturministerium und dem Europäischen Rat die Europäische Kulturhauptstadt für das jeweilige Land und Jahr vor.

Nach den Kulturhauptstädten Marseille-Provence (FR) und Košice (SK) im Jahre 2013 und Riga (LV) und Umeå (SE) 2014 tragen in diesem Jahr die belgische Stadt Mons und das tschechische Pilsen den Titel „Europäische Kulturhauptstadt“.

Die wallonische Stadt Mons (93 000 Einwohner) ist nach Antwerpen (1993), Brüssel (2000) und Brügge (2002) bereits die vierte Kulturhauptstadt Belgiens. Schon bei der offiziellen Ausschreibung zeichnete sich ab, dass aufgrund der regionalen Spannungen in Belgien, diesmal vermutlich eine französischsprachige Stadt den Vorzug erhalten würde. Da auch Liège eine Bewerbung angedacht hatte, sich aber schliesslich dagegen entschied, wurde Mons – als einziger Kandidat Belgiens – „Europäische Kulturhauptstadt“. Auch die Vorbereitungsphase auf das Kulturhauptstadtjahr verlief für Mons, dank der politischen Stabilität und den eingehaltenen Budgetzusagen, weitgehend problemlos. Das Programmbudget ist mit 68 Mio Euro vergleichsweise hoch (beispielsweise im Vergleich zu Marseille-Provence: 91 Mio Euro bei 1,9 Mio Einwohner).

Pilsen, mit etwa 168 000 Einwohnern die viertgrösste Stadt der Tschechischen Republik, musste sich hingegen sehr wohl einem Wettbewerb um den Kulturhauptstadt-Titel stellen. Aufgrund eines überzeugenden Konzepts setzte sich Pilsen gegen mehrere starke Mitbewerberstädte durch und erhielt – nach einem nur knappen Jury-Votum gegen Ostrava – den Zuschlag. Auch die folgenden fünf Jahre der Vorbereitung auf das Kulturhauptstadtjahr waren für Pilsen recht spannungsreich: mehrere Wechsel in der künstlerischen Leitung des Projekts ebenso wie an den nationalen und lokalen Spitzen der Politik und damit einhergehende Budgetkürzungen (von 28,5 Mio auf knappe 21 Mio Euro Programmbudget) sorgten für Unsicherheiten und Zeitverluste in der Programmplanung. Diese hat Pilsen aber ab dem Jahr 2013 mit einem neuen Führungsduo in der Kulturhauptstadt-Organisation sowie mit begleitender Unterstützung der EU-Jury in einem engagierten und ambitionierten Endspurt ausräumen können.

Kulturpolitisches Konzept & Entwicklungspotential

Die definitive Entscheidung für Mons und Pilsen als Europäische Kulturhauptstädte 2015 fiel bereits im September 2010. Dies in erster Line aufgrund ihrer präsentierten Projekte und Konzepte und den damit verbundenen Budgetzusagen seitens der Stadt- und Regionalparlamente.

Da die Ausgangssituationen für das Projekt sehr unterschiedlich sind – politisch, gesellschaftlich, wirtschaftlich, finanziell und nicht zuletzt kulturpolitisch – können auch die geplanten Ziele der jeweiligen Kulturhauptstädten voneinander abweichen. Diese können Stadt-, Regional- und Metropolentwicklung, (Neu-)Positionierung auf der europäischen Landkarte, Imagewandel, Steigerung der Partizipation der Bevölkerung an kulturellen Angeboten oder Ankurbelung des (Kultur-)Tourismus sein.

Kulturhauptstädte Europas sind deshalb mehr als Kunst- und Kulturevents – sie sind langfristig angelegte Stadt- und Regionalentwicklungsprojekte, wobei der Titel „Kulturhauptstadt Europas“ nicht als Preis für bereits Geleistetes zu verstehen ist, sondern vielmehr als (selbst zu finanzierendes) Stipendium für Weiterentwicklung!

Somit gilt für alle Kulturhauptstädte: Gewohntes soll hinterfragt werden, Gutes und Bewährtes ausgebaut, Neues gewagt und blinde Flecken bearbeitet werden. Dafür ist eine kritische Reflexion mit der eigenen Stadtidentität, ihrer Geschichte, Mentalität und Kultur unumgänglich.

Als Basis für all diese Vorhaben bedarf es neben der Entwicklung einer (Programm-)Software auch eine angemessene Hardware – also künstlerische und kulturelle Spielstätten, die auf nachhaltige Verbesserungen des lokalen Kulturangebots zielen. Renovierungen von Kulturzentren, Umwidmungen von Industriebrachen, Neugestaltungen von Stadtteilen oder komplette Neubauten von kulturellen Einrichtungen waren und sind Bestandteil der kulturpolitischen Strategie in beiden diesjährigen Kulturhauptstädten.

In Mons wurden in Hinblick auf das Kulturhauptstadtjahr drei Stadtteile neu strukturiert: Rund um das Theater entstand ein neues Kulturviertel, das in diesem Jahr zentraler Treffpunkt sein soll. Des Weiteren wurde das Bahnhofsviertel von zwei internationalen Architekturgrößen komplett neu gestaltet – mit einem Bahnhofsgebäude von Santiago Calatrava (Eröffnung 2017) und einem Kongresszentrum von Daniel Libeskind, das zum Start des Kulturhauptstadtjahres eröffnet wurde. Zudem wird in der Nähe des alten Schlachthofes, der bereits für Ausstellungen genutzt wird, ein Design-Zentrum mit samt Depot eröffnet.

Auch Pilsen hat in den vergangenen Jahren kräftig in kulturelle Infrastruktur investiert. Bereits 2014 wurde das Neue Theater „Nové divadlo“ des Architekten Vladimír Kružík eröffnet. Erstmals für die Öffentlichkeit zugänglich sind auch verschiedene Wohnungen, die der österreichische Architekt Adolf Loos in den 1920er Jahren eingerichtet hat. Um Kunst und Kultur nicht von der industriellen Geschichte der Stadt zu trennen, gibt es zahlreiche Veranstaltungen, die in alten Industrie-Hallen und Fabriken stattfinden. Zudem sind neue Kulturorte bereits in den vergangenen Jahren auf dem Gelände der Skoda-Werke entstanden: das Wissenschafts-Museum „Techmania“ sowie ein Planetarium. Nach der Rekonstruktion der ehemaligen Brauerei Světovar, die im Herbst 2013 begonnen wurde und Ende 2015 fertiggestellt sein soll, werden Künstler hier Möglichkeiten haben, diese neue Kulturfabrik vielfältig zu nutzen. Geplant sind ausserdem Wohnmöglichkeiten für artists in residence .

Kulturelle Aktivitäten

Mons, wie viele andere ehemalige Kohlestädte, steckte in den vergangenen Jahren in einer enormen wirtschaftlichen und industriellen Krise. Selbst wenn sich die Stadt bereits seit Längerem in einem Transformationsprozess befindet (die momentane Arbeitslosigkeit beträgt immer noch etwa 20%) und sich in den vergangenen Jahren renommierte, internationale Konzerne wie Google, Microsoft, HP oder IBM in Mons angesiedelt haben, will das Projekt der Europäischen Kulturhauptstadt als zusätzlicher Motor der Krisenbewältigung gelten.

Programmatisch setzt Mons2015 mit dem Slogan „Where Technologie meets Culture“ den Schwerpunkt auf den Bereich Neue Technologien. Beispielsweise wurde für die Bevölkerung der Stadt und der Region ein bis dato einzigartiges Weiterbildungs-Programm auf diesem Gebiet entwickelt. Mit dem Projekt „Café Europa“ wird ein kulturelles, kreatives und soziales Bildungs- und Innovationszentrum geboten, das neue soziale, digitale und langfristige Verbindungen auf der Grundlage künstlerischer Projekte zwischen Mons und anderen europäischen Städten ermöglicht. Zudem soll das gesamte kulturelle Erbe der Stadt digitalisiert und damit dessen Bewahrung langfristig sichergestellt werden. Eine weitere kulturpolitisch wichtige Programmschiene läuft unter dem Titel „20 years old in 2015!“, die die Frage aufwirft, wie man jugendliche Träume mit der Wirtschaftskrise oder den Wunsch nach Wandel mit der sozialen Wirklichkeit kombiniert. Auch wenn Mons 2015 nicht den Anspruch erhebt, auf alle mit der Wirtschaftskrise verbundenen Herausforderungen eine Antwort zu haben, sehen die Projektverantwortlichen in der Förderung und Weiterbildung junger Menschen einen programmatischen Schwerpunkt.

Pilsen ist in seinem Transformationsprozess – weg von der ebenfalls krisengebeutelten Industriestadt hin zu einem aufsteigenden Wirtschaftsstandort – um einige Schritte weiter als Mons. Internationale Investoren haben beispielsweise in die Skoda-Werke und die Pilsner Urquell-Brauerei investiert und somit zur Erhaltung und Schaffung von Arbeitsplätzen beigetragen (derzeitige Arbeitslosigkeit ca. 6%).

Programmatisch geht es bei Pilsen 2015 in erster Linie um die Erfüllung der Vision einer offenen Kulturstadt Das Motto lautet „Pilsen, Open Up!" und steht für Offenheit für neue Ideen, Innovationen, Kreativität und neuen Kunstströmungen. Es geht um die Öffnung neuer Räume für neue kulturelle Genres und bisher unbekannte Kunstrichtungen, für eine multikulturelle Gesellschaft, für einen Dialog zwischen Generationen sowie für neue Kombinationen von Kunst und Wirtschaft, Kultur und Bildung, Kreativität und Technologien.

Für jede Europäische Kulturhauptstadt gilt das Prinzip von Chancen und Risiken. Kulturhauptstadt ist auf keinen Fall ein Erfolgsprojekt per se. Es bedarf einer langfristigen Orientierung der Kulturpolitik der Städte und Regionen, einer seriösen Kostenkalkulation sowie abgesicherter Budgets, eines präzisen Fokus auf die eigenen Potentiale, einer professionellen und nachhaltigen Planung und Umsetzung des Projektes und nicht zuletzt einer intensiven, kontinuierlichen und transparenten Kommunikation mit der Öffentlichkeit. Sind diese Bedingungen gegeben, kann es einer Kulturhauptstadt gelingen, den erhofften Schwung als Sprungbrett für eine weitere Entwicklung – über das Kulturhauptstadtjahr hinaus – zu nutzen.

Ob diese Ziele in Mons und Pilsen erreicht werden, wird man – wie bei allen Europäischen Kulturhauptstädten – erst in einigen Jahren seriös beantworten können.


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